Mit Peter auf Erlebnistour

Peter nimmt Sie mit zu seinen Reisezielen und in seinen Alltag. Die grünen Bögen kennzeichnen seinen Aktions- und Wunschraum. Zoomen Sie sich in die Karte, um mehr zu erfahren!

Die Erlebnishungrigen

Peter, 42 Jahre, geschieden, alleinstehend
Wohnhaft in Hamburg-Steilshoop

Morgens kocht sich Peter als erstes einen Kaffee, um richtig wach zu werden. Während der Filterkaffee durchläuft, checkt er am Laptop ein Fernbusportal, denn er möchte einen Ausflug nach Kiel machen. Die Strecke kennt er gut und der Fernbus ist mit Abstand am günstigsten. Peter hat Lust, mal wieder das Marine-Ehrenmal zu besuchen und auf 70 Metern die Aussicht über die Kieler Bucht zu genießen.

Peter weiß genau, wie er die günstigsten Tickets ergattern kann. Die Preise bei der Bahn sind ihm zu hoch. Mit dem Fernbus aber hat er schon einige Städte bereist: Berlin, Dresden, Potsdam, Heiligenhafen. Vor der Scheidung und dem Jobverlust war er viel unterwegs. Als Peter noch ein Auto hatte, ist er sogar nach Spanien und Portugal gefahren. Aber auch mit dem Bus kann etwas von der Welt sehen – das ist ihm wichtig. Inzwischen ist es für Peter sogar eine sportliche Herausforderung, mit möglichst wenig Geld zu reisen. Meist sind es Tagesausflüge, doch an manchem Ort hat er einen Freund, auf dessen Sofa er übernachten kann. Nachdem Peter für 5 Euro ein Ticket nach Kiel gebucht hat, schweifen seine Gedanken ab. Wo könnte er noch hinreisen – Amsterdam? Das würde ihn reizen und wäre für 22 Euro pro Fahrt möglich. Aber wo übernachten? Die sprotzende Kaffemaschine holt Peter zurück nach Steilshoop und er bricht seine Recherche ab.

Anders als beispielsweise die Wohnumfeld-Verbundenen wissen die Erlebnishungrigen um den Wunschraum, der ihnen nicht oder nur schwer zugänglich ist. Sie haben ein Bild von den Chancen jenseits ihres Budgets und versuchen, sie im Rahmen ihres finanziellen Rahmens wahrzunehmen. Es kennzeichnet die Erlebnishungrigen, dass sie dafür aktiv und unermüdlich nach günstigen Gelegenheiten suchen. Angst, dafür stigmatisiert zu werden, haben sie nicht.

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Dabei schätzen sie ihre Außenseiterposition in einer konsumorientierten Gesellschaft durchaus realistisch ein, was ihnen das Gefühl vermittelt, in einem „Käfig“ zu sitzen, wie es eine Betroffene formuliert (P4:133). Ihre Mobilitätschancen nutzen die Erlebnishungrigen gezielt, um dem Käfig zu entfliehen – und sei es nur zeitweise. Die Mobilität schätzen sie als sehr wichtig ein und begründen das ausführlich. Die Mobilität ist ihnen nicht nur Mittel zum Zweck, sondern wird mit sinnerfüllenden Erlebnissen verbunden. Die Schwierigkeit, Wunschziele nicht erreichen zu können, ist für diese Gruppe besonders belastend. Die erworbenen mobilitätsbezogenen Kenntnisse und Fähigkeiten (Mobilitätsportale bedienen, Fernbus buchen, etc.) werden von dieser Gruppe genutzt, wo immer möglich.

Peter geht regelmäßig in das nahgelegene Stadtteil-Café, um ein kleines Frühstück zu sich zu nehmen. Hier trifft er Freunde, mit den er reden kann. Normalerweise fährt er mit dem Fahrrad, nur heute schiebt er es: Die Gangschaltung muss eingestellt werden. Peter kennt eine Fahrradwerkstatt in der Nähe, die von einem sozialen Träger betrieben wird. Hier bringt er das Rad vorbei und lässt sich zeigen, wie er die Reparatur vornehmen kann. Mit funktionierender Gangschaltung fährt er nach Hause. Kurz darauf geht es weiter: Peter ist am frühen Nachmittag mit seiner 18-jährigen Tochter im Bramfelder Einkaufszentrum verabredet. Einmal wöchentlich treffen sie sich auf einen Kaffee. Das näher gelegene Einkaufszentrum in Steilshoop gefällt ihnen nicht – das hat sich zu einem Lost Place entwickelt: Ein Geschäft nach dem anderen ist verschwunden. Übrig sind ein Bäcker, ein Handyshop und der Ein-Euro-Laden. Insgesamt recht düster, findet Peter.

Peter verfügt, gemessen an den Erzählungen der 40 Befragten, über einen großen Aktionsraum, der sich über das gesamte Stadtgebiet erstreckt. Auch sein Wunschraum, also die Gesamtheit der vorstellbaren Reiseziele, erstreckt sich relativ weit. Auf verschiedenen Auslandsreisen hat er Erfahrungen gemacht, an denen er sich auch in der Rückschau erfreut und an die er gern anknüpfen würde. Peters Mobilitätsbiografie ist bewegt und er hat sowohl das Wissen als auch die Fähigkeiten, um sich Reisewünsche im Rahmen seines Budgets zu erfüllen.

Am Abend ist Peter mit dem Skatclub verabredet, bei dem er schon zu den Stammspielern zählt. Peter nimmt alle Ligaspieltage mit und fährt zu den Auswärtsspielen durch ganz Hamburg. Da er jeden Tag unterwegs sein möchte, nutzt Peter die ermäßigte Vollzeitmonatskarte AB. Er spart in anderen Bereichen ein, um die nötigen 68,90 Euro aufzubringen. Kleidung kauft er sich gar nicht. Er trägt immer noch die alte Lederjacke und die alten Hemden und Hosen von früher auf. Abgesehen von seinen Reisen, gibt Peter nur Geld für Lebensmittel und ein paar Hygieneartikel aus. Er teilt sich das Geld genau ein, um sich die Fahrten und Ausflüge leisten zu können. Es wäre schon schön, wenn er sich freier bewegen könnte und nicht immer rechnen müsste, ob er sich die Fahrt im Monat noch leisten kann. Aber Peter ist schon so lang arbeitslos. Er kann sich eigentlich nicht vorstellen, jemals wieder einen Job zu finden.

Die Erlebnishungrigen wollen den Stadtraum in seiner Gänze nutzen. Hierfür nehmen sie finanzielle Einschränkungen in anderen Bereichen des Gesamtbudgets in Kauf. Mobilität wird in dieser Gruppe zum Teil sehr eng mit dem Begriff der Teilhabe verknüpft. Ausgeprägte Individualbedürfnisse der Interviewten (Hier: der Skatclub) sind den Erlebnishungrigen sehr wichtig. Wie auch die Familiären Profis wenden sie lösungsorientierte Strategien an, um die Wunschziele zu erreichen. Bei allen Befragten spielt die finanzielle Bedrängnis eine zentrale Rolle. Es handelt sich um die wiederkehrende Erzählung, immer und überall abwägen zu müssen: die Klassenreise der Kinder gegen neue Kleidung, das Essen gegen die Fahrkarte. Der Armutsforschung ist diese Erzählung nicht neu, sondern beispielsweise unter dem Phänomen der Ernährungsarmut bekannt. Die Mobilitätschancen sind dabei ebenso betroffen wie andere Bereiche des Lebens. Die Reaktion der Erlebnishungrigen wird darin deutlich, wie Peter sein Geld einteilt: Für das teure HVV-Ticket nimmt er Abstriche im Alltag in Kauf. Die Möglichkeit, mobil zu sein, ist ihm wichtiger als seine Kleidung. In ihrer angespannten finanziellen Situation opfern die Erlebnishungrigen ihr Erscheinungsbild im Zweifel der Bewegungsfreiheit.


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