Nach dem Abitur direkt studieren oder erst einmal etwas anderes ausprobieren? In diesem Interview berichtet eine junge Frau von ihrem Freiwilligen Jahr in Technik, Wissenschaft und Nachhaltigkeit. Sie erzählt, warum sie sich für diesen Weg entschieden hat, welche Erfahrungen sie gesammelt hat und welche Einblicke sie dabei in die Welt der Naturwissenschaften gewinnen konnte.
Interview
Warum hast du dich nach dem Abitur für ein Freiwilliges Jahr in Technik, Wissenschaft und Nachhaltigkeit (FJN) entschieden — und wie bist du auf die Idee gekommen? Wie lief der Bewerbungsprozess ab?
Klassischerweise wusste ich, dass ich naturwissenschaftlich studieren möchte, da ich während der Schulzeit eine Begeisterung für alle Naturwissenschaften hegte, nur waren die Optionen so vielfältig, dass ich mich nicht entscheiden konnte. Ich wusste, ich bräuchte noch mehr Zeit, um darüber nachzudenken, in welche Richtung ich mich orientieren möchte.
Ganz ursprünglich wollte ich ein FSJ im Ausland machen, ohne konkrete Vorstellungen – Hauptsache weit weg, neue Menschen und Kulturen kennenlernen, unabhängiger werden und dabei etwas Allgemeinnütziges tun. Dann hatte ich überlegt, ob das für mich überhaupt sinnvoll wäre, da dort häufig der Bezug zu Naturwissenschaften fehlt und ich so in der Findung meines Studiengangs eventuell gar nicht weiterkommen würde. So langsam drängte auch die Zeit, da die Abiturprüfungen vor der Tür standen, sodass ich mich eines Nachmittags während einer Freistunde im „Medienraum“ meines alten Gymnasiums einfand und recherchierte, ob es denn auch ein Freiwilliges Jahr mit dem Themenschwerpunkt Naturwissenschaften gebe. Und tatsächlich wurde ich auf eine Seite der IJGD verwiesen, die ein recht nischiges Programm, das FJN, angeboten hatte. Ich dachte mir, dass das perfekt passen würde, und habe mich am gleichen Tag noch dafür beworben. An dem besagten Tag reichte ich also meine Online-Bewerbung mit Allgemeinen Infos, Lebenslauf, Zeugnis, etc. über die Website ein und kriegte binnen weniger Wochen die Rückmeldung, dass ich wohl im Topf der Ausgewählten gelandet sei. Darauf folgte eine Liste verschiedenster Einsatzstellen, die sich hauptsächlich von Forschungseinrichtungen, über Bildungseinrichtungen hin zu Workspaces erstreckten und bei denen man sich im Anschluss im Einzelnen erneut bewerben musste.
Meine Auswahl fiel unter anderem auf das DLR School_Lab an der TU Hamburg. Also machte ich mich nach einem Motivationsschreiben und ein paar Mails für ein Bewerbungsgespräch 400 km auf den Weg in den Norden und bekam am darauffolgenden Tag die Zusage meiner aktuellen Einsatzstelle.
In welchem Bereich und bei welcher Forschungseinrichtung hast du dein FJN gemacht, und was waren deine Aufgaben dort?
Ich habe mein FJN im DLR School_Lab der TU Hamburg verbracht. Die DLR_School_Labs sind Schülerlabore des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Sie ermöglichen Schulklassen, spannende Experimente in den Bereichen Raumfahrt, Luftfahrt, Energie, Verkehr und Robotik unter der Anleitung von Forscher*innen, Student*innen aber auch Freiwilligen wie mir, durchzuführen. Dabei handelt es sich um Bildungsangebote des DLR im Rahmen der Nachwuchsförderung mit dem Ziel, junge Menschen für die Forschung zu begeistern. Es gibt School_Lab Standorte direkt an den DLR Forschungsstandorten und Schülerlabore an Universitäten, wie der der TU Hamburg. Die Experimente sind standortspezifisch – meine Einsatzstelle bedient die Profile der Luftfahrt, Schifffahrt und erneuerbarer Energien. Daher besteht meine Hauptaufgabe darin, Kleingruppen von Schulklassen zu betreuen, Experimente durchzuführen, Wissen zu vermitteln und Raum fürs eigene Entdecken zu geben. Dazu zählen dann natürlich auch Vor- und Nachbereitung der Experimente, sowie der organisatorische Rahmen drum herum. Außerdem kann ich jederzeit Veranstaltungen (also auch Vorlesungen und Kurse) der Uni besuchen, Projekte wie den 3D-Druck, Programmieren mit dem Arduino, etc. oder gegebenenfalls Einblicke in andere School_Labs, angesiedelte technische Institute wie z.B.: Konstruktion und Festigkeit von Schiffen oder Technische Biokatalyse, usw. gewinnen.
Gab es während deines FJN ein besonderes Erlebnis oder ein Projekt, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Vor allem die Seminare alle zwei Monate bleiben sehr im Gedächtnis. Durch die Seminare lernt man die anderen Freiwilligen des FJN kennen und besucht viele verschiedene Einsatzstellen, sodass man einen breiten Einblick in verschiedene Bereiche der Naturwissenschaften auch außerhalb der eigenen erhält. Zusätzlich sind die Standorte immer unterschiedlich, sodass man einiges von Deutschland zu sehen bekommt. Unter anderem waren wir in Hamburg selbst, darüber hinaus aber auch in Kiel und Berlin.
Welche Fähigkeiten oder Kenntnisse hast du in diesem Jahr neu gelernt, die du vorher gar nicht erwartet hattest?
Da der School_Lab Leiter Bjarne Wiegard selber Bezug zum Institut für Konstruktion und Festigkeit von Schiffen hat, habe ich erstaunlich viel über das Leben und Arbeiten an Bord eines Schiffes erfahren dürfen. Dazu zählten Touren durch das Forschungslabor, Geschichten aus eigener Berufslaufbahn und Gespräche mit anderen wissenschaftlichen Mitarbeitern, die ihre Projekte und Experimente gerne mit neugierigen Menschen teilen. Weniger überraschend, aber trotzdem nennenswert ist, dass sich meine sozialen Kompetenzen, darunter vor allem die didaktischen Fähigkeiten, verbessert haben. Man ist eben viel unter Leuten, sei es an einem regulären Arbeitstag, einer externen Veranstaltung oder auf den Seminaren. Man lernt auf seine eigene Art, und vor allem bei meiner Einsatzstelle auch in seinem eigenen Tempo, Wissen an unterschiedliche Altersgruppen zu vermitteln und Verantwortung zu übernehmen.
Wie hat dich das FJN in deiner persönlichen Entwicklung und bei deiner Berufs- oder Studienwahl beeinflusst?
Wie bereits erwähnt, hatte ich einen tiefen Einblick in verschiedene Institute und somit auch Berufsfelder, die entweder eine Ausbildung oder ein Studium voraussetzen.
Da Institute Ballungszentren von Menschen sind, die ihren Großteil der Berufsorientierung bereits hinter sich haben, sei es der Projektmanager, die Elektrikerin oder die Doktorandin, entstehen daraus immer spannende Gespräche mit reichlich Inspiration für einen selber.
Da ich für mein FJN in eine fremde Stadt 400 km entfernt von meiner Heimat gezogen bin, waren es auch die Bedingungen drum herum, die mir zur Eigenständigkeit und mehr Verantwortungsbewusstsein verholfen haben. Hauptsächlich bin ich durch das FJN konkret noch viel offener und selbstsicherer im Umgang mit fremden Menschen geworden. Schon in meiner Schulzeit konnte ich mich für alle naturwissenschaftlichen Fächer begeistern und mich nicht entscheiden, welches ich favorisieren würde, sodass ich alle klassischen Übeltäter bis zum Abitur durchzog. Das Freiwillige Jahr hatte nun deutlich den Fokus auf physikalische Themenschwerpunkte gesetzt, wobei ich auch unfassbar viel Spaß hatte, doch mir persönlich fehlten die Biologie und Chemie sehr. Daher wurde mir klar, dass ich so interdisziplinär wie nur möglich studieren möchte. Meine Überlegungen führten mich über Monate des Austauschs und der Recherche zum Studiengang „Molecular Life Sciences“, in dem alle Naturwissenschaften methodisch und inhaltlich zusammenkommen, um molekulare Mechanismen des Lebens ganzheitlich zu analysieren und mit modernen Forschungsansätzen zu verstehen.
Gab es etwas, das dich überrascht hat — vielleicht an der Arbeit im pädagogischen Bereich oder am Arbeitsalltag insgesamt?
Um ehrlich zu sein, habe ich nicht erwartet, dass die Arbeit mit Schüler*innen mir so viel Spaß macht. Ich dachte, ich würde nach meinem Studium sicher in die Forschung gehen, kann mir aber vorstellen die Pädagogik mit einer Professur in Zukunft nochmal aufzugreifen, da ich die Wissensvermittlung und den Austausch mit anderen Perspektiven so zu schätzen gelernt habe. Am liebsten habe ich ältere Klassen, mit denen man tiefer ins Detail gehen kann, aber sogar Grundschulklassen machen von Zeit zu Zeit trotz definitiv größerer Anstrengung Spaß. Man merkt bereits jetzt schon, dass sie in einer ganz anderen Welt aufwachsen, als ich es habe, und das ist gerade einmal 9 Jahre her. Nichtsdestotrotz spürt man diese kindliche Begeisterung und das allumfassende Interesse für die einfachsten Sachen, die über die Jahre einfach verloren gehen können. Das so ungefiltert von heute auf morgen mitzuerleben ist immer wieder augenöffnend.
Wie haben Kolleginnen und Kollegen auf dich als junge Frau im naturwissenschaftlichen Bereich reagiert? Hast du dich gut aufgenommen gefühlt?
Als ich die Frage gelesen habe, war ich zunächst irritiert, da ich nicht im Entferntesten während meines Freiwilligenjahres auf Verwunderung oder gar Benachteiligung aufgrund meines Geschlechts gestoßen bin. Es kam mir gar nicht mehr in den Sinn. Nach kurzem Überlegen verstehe ich den Ursprung dieser Frage, es ist nun mal so, dass naturwissenschaftliche Tätigkeitsfelder immer noch männerdominiert sind. Das erlebe ich insbesondere auch an der Technischen Universität, die hauptsächlich ingenieurswissenschaftliche Studiengänge anbietet. In diesem Zuge ist mir auch eingefallen, dass ich bei meiner Einsatzstelle die erste weibliche Besetzung seit mindestens 5 Jahren war. Trotzdem fühle ich mich überall super aufgenommen und in keinem Fall sonderbehandelt. Der Trend nicht nur zur tatsächlichen Gleichstellung in den naturwissenschaftlichen Feldern, sondern auch zur gedanklichen Gleichstellung wird hier hundertprozentig gefördert und gutgeheißen.
Würdest du anderen jungen Menschen ein Freiwilliges Jahr in Technik, Wissenschaft und Nachhaltigkeit empfehlen? Warum — und was sollte man dabei beachten?
Ich würde das FJN zu 100 Prozent jeder naturwissenschaftlich begeisterten Person weiterempfehlen. Dabei muss man sich auch nicht für alle Bereiche interessieren, da es teilweise so spezifische Einsatzstellenangebote gibt, dass für jeden etwas dabei ist. Wie bereits erwähnt, muss man nicht zwangsläufig mit Schüler*innen arbeiten, man kann auch direkte Forschung an Proben mit einem wissenschaftlichen Team betreiben und vieles mehr. Es lohnt sich, sich einfach mal zu informieren, was möglich ist. Es gibt einem nicht nur die Zeit zu überlegen, wo die Reise hingehen soll, man sammelt einfach so viele Eindrücke und lernt unfassbar viele coole Menschen kennen, wenn man sich darauf einlässt und selber auch motiviert ist, das Beste aus der Zeit rauszuholen. Bei meiner Einsatzstelle spezifisch, beziehungsweise auch bei anderen Schülerlaboren des DLR, sollte man natürlich Spaß daran haben, sich mit verschiedenen Themen auseinander zu setzen und zumindest keine Abneigung gegenüber Kindern pflegen. Zu Schulzeiten habe ich immer gesagt ich könnte niemals Lehrerin werden und nun habe ich ein Jahr lang genau das gemacht. Ich wollte meine Komfortzone verlassen und neue Dinge ausprobieren, dazu sollte man bereit sein und dann ist man schon ganz gut dabei.
Wenn du fünf Jahre in die Zukunft blickst: Wo würdest du dich beruflich gerne sehen, und was reizt dich daran besonders?
Ehrlicherweise weiß ich es nicht. So weit plane ich nicht in die Zukunft und bisher bin ich recht gut mit der Taktik verfahren, sich im Moment dafür zu entscheiden, was sich richtig anfühlt. Die Bewerbung auf das FJN war schließlich auch recht spontan und die Entscheidung, nach Hamburg zu ziehen, eventuell etwas leichtwillig getroffen, würden manche sagen. In fünf Jahren bin ich eventuell mitten im Master immer noch in Hamburg, vielleicht ein Semester im Ausland, oder nach meinem Bachelor doch erstmal eine Ausbildung. So oder so freue ich mich auf die kommende Zeit und die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln.
Gab es während deines Jahres Schwierigkeiten oder schwierige Situationen?
Ich denke, dass ich mit meiner Einsatzstelle für mich genau die richtige Wahl getroffen habe. Für mich gab es keine größeren Schwierigkeiten, abseits der normalen mangelnden Motivation gegen 6 Uhr morgens aufzustehen. Das liegt aber eigentlich auch an mir, da ich zum einen eine Stunde zur Arbeit benötige und zum anderen auch gerne ausgiebig frühstücke. Im Team bin ich nur auf freundliche Seelen gestoßen, die Zusammenarbeit verlief durchweg reibungslos, klar kann ein Besuch auch mal etwas chaotisch ablaufen, jedoch wird hier alles auf eine lockere und humorvolle Art bewältigt. Es gibt Zeiten, in denen man sich fragt, wieso man sich jetzt das dritte Mal die Woche mit einer explosiven Grundschulklasse vergnügen darf, doch meistens ist es auch dann immer wieder belohnend, die Schüler*innen mit jeder Menge Begeisterung nach Hause gehen zu lassen. Dem entgegengestellt gibt es natürlich auch ältere Klassen, bei denen man versucht nur ein Fünkchen Begeisterung hervorzulocken – es ist ein Spektrum, auf dem alles vertreten ist. Zwischen den beiden Extremen besuchen uns auch super informierte und interessierte Schulklassen jeden Alters. Darunter auch Schüler*innen, die bereits alles wissen und die Station für mich durchführen. Das macht es eben umso abwechslungsreicher, immer wieder aufs Neue herausfordernd und spannend.
Wie ist die Finanzierung bei einem FJN? Gibt es Unterschiede zu anderen Freiwilligen Diensten? (BFD, FSJ, etc.)
Von meinem Träger, der IJGD, kriege ich ein monatliches Taschengeld von 498 Euro ausgezahlt. Zusammen mit dem noch mir zustehenden Kindergeld von 250 Euro reicht es für das Decken von Wohn- und Lebenserhaltungskosten spezifisch in Hamburg immer noch nicht aus. Deswegen habe ich für die Zeit meines Freiwilligenjahres Wohngeld bezogen, welches den Großteil meiner Wohnkosten deckt, und so kommt man dann ganz gut klar. Das liegt hauptsächlich auch daran, dass ich ausgerechnet in eine Großstadt gezogen bin – viele andere Freiwillige bleiben auch bei ihren Eltern wohnen und sparen sich somit Miete und teils sogar die Verpflegung. Wenn man es wirklich will, kriegt man alles irgendwie bewerkstelligt. Der Teil mit dem Taschengeld ist auch bei anderen Modellen des Freiwilligen Jahres so. Dieser kann zwischen 400 und 700 Euro schwanken, manchmal wird jedoch auch eine Unterkunft gestellt, was bei meinem FJN nicht der Fall war. Da musste ich mich vollständig selbst drum kümmern.
